Samstag, 29. Mai 2010







8 Marathonläufe, 1x Weihnachten feiern mit anschließendem Weihnachtsfeiertag, 2x von Baden-Baden nach Berlin fahren und wieder zurück, 2,5 x die Herr der Ringe Triology anschauen... so viel kann man in 30 Stunden machen. Warum nicht einen Flug nach Neuseeland nehmen. Gute Filme, nettes Essen (Chicken or Beef?) und ein bisschen Sardinenbüchsenfeeling.

Gefahren haben Sie auf sich genommen, Schürfwunden an den Knien ließen sie nicht weich werden. Tapfer haben sie es nach Neuseeland geschafft. Aaron und mein Papa sind angekommen.

Nach knapp 10 Monaten ist es schon ein komisches Gefühl, wenn man dann am Flughafen wartet. Vor allem am Wanganui Airport. Bis zu letzt waren wir uns nicht sicher, ob sie denn nun wirklich den richtigen Flughafen ansteuerten. Nicht zu erwähnen, dass wir mal wieder 3 Stunden zu früh am Flughafen waren.

Doch außer das Aaron in die Höhe geschossen ist, hätte es fast gestern sein können, als wir uns das letzte Mal gesehen haben.

Nachdem uns die beiden doch bei der Umarmung schon auf der Schulter einschliefen, ging es schnell ins Hotel.

Hauptaufgabe am ersten Tag heißt immer: WACH BLEIBEN.

5 Tage Neuseeland bitte. Man glaubt gar nicht, was man in einer so kurzen Zeit alles sehen kann.

Am ersten Tag gab es eine Wanganui-Stadtführung und wir zeigten den beiden meine Schule, das Hostel, das Indigo, Vicis Haus und den Strand.

Aaron glänzte dabei mit „blog-wissen“. Vorbildlich. So stelle ich mir das vor. (hehe)

Etwas geschockt schauten sie nur bei der Reisetasche, die für sie schon gerichtet worden war von mir.

Entspannung gibt es nicht bei 5 Tagen. Daher ging es schon am Dienstag rauf nach Rotorua früh morgens. Schließlich sahen wir auf dem Weg den National Park, alle Extremsportarten Neuseelands, heiße Quellen, Schlammbäder, 200 Cafés und 2 Kiwis.

Vici und ich wirkten schon fast wie Einheimische, bzw. Auswanderer.

Aaron versuchte sich am Rekord der Radschwebebahn, da ihm Bungy und Fallschirmspringen verboten wurde. Man muss klein anfangen.

Sowohl die Lehrer, als auch die Leute im Hostel haben mich alle dazu gedrängt frei zu nehmen für die kommenden Tage und übernahmen meine Duties. Vielen lieben Dank. Nachdem auch Vici frei bekam vom Indigo stand den letzten 3 Tagen Abenteuer ja nun nichts mehr im Weg.

Den Süden hatten wir vom Reisekompass gestrichen. Den Norden hatten wir nun bereits bereist. Blieben noch Osten und Westen. Also ging es zunächst einmal nach New Plymouth. Einmal komplett um den Mt. Taranaki bitte. Und wir sahen ihn kein einziges mal. Leider regnet es seit Sonntag fast durchgehend und in strömen. Aber wir lassen uns die Laune ja nicht verderben.

Der erste Starbucks in New Plymouth war schon was ganz besonders. Wer meinen Vater kennt, kennt auch seine Kaffeesucht.

Aaron und ich wurden zu Bergsteigern und zusammen aßen wir „Best Burger No.2“ in Neuseeland.

Nachts und im Regen ging es wieder nach Wanganui.

Nur der Osten blieb uns noch. Der Südosten. Und schließlich wollten wir Aaron auch endlich einmal seinen Wunsch von Herr der Ringe erfüllen. Also ging es nach Wellington und wir machten eine „kleine“ Herr der Ringe Tour von vier Stunden rund um Wellington herum.

Vici zog durch die Straßen indessen. Wer kann es ihr verübeln. Mein Vater hatte Herr der Ringe auch noch nie gesehen, lies sich aber darauf ein.

Nun stelle sich man einmal 3 dicke Amerikanerinnen (keine schwere Vorstellung – haschn?), 2 bis heute undefinierbare Landsmänner und 3 Deutsche. Alles zusammen stehen sie mitten im Wald auf dem Mt. Victoria um einen Mann herum, der mit dem Laptop in der einen Hand und dem Zeigefinger der anderen Hand in den Wald zeigend, von Hobbits redet.

Für die meisten Spaziergänger war es wohl Alltag. Nichts desto trotz kam einem doch manches bekannt vor.

Mein Lieblingsbild: Die „Gebrochene Karotten Szene“ nachstellen aus dem ersten Film. Hobbits auf der Flucht, rollen einen Hügel runter und landen unten unsanft auf dem Weg.

Unglücklicherweise war ich Pippin und Pippin lag nun einmal ganz unten. Ich habe den Satz des Guides noch im Kopf: „Hättest du dir das träumen lassen heute morgen, dass du unter drei Amerikanerinnen liegst. Was der Tag nicht alles bringt.“ Mehrere gebrochene Rippen, wollte ich grade rufen, als mir die Luft ausging. Vici hätte auf alle Fälle was zu lachen gehabt.

Getopt wurde das ganze nur noch vom Schwarzen Reiter. 3 Freiwillige bitte. Warum melde ich mich bei so Sachen auch immer. Wir brauchen ein Pferd. Mir war von Anfang an klar, welche Rolle ich dabei einnehmen würde. Und schon hatte ich ein schwarzes Seil am Gürtel hängen. Kann der Pferdehintern bitte etwas aufrücken...

Schönes Bild wurde es aber. Wer sich an das Pferd des schwarzen Reiters erinnert aus dem ersten Film, welches auf dem Waldweg die Hobbits verfolgt: Sein Name ist Bob.

Schon einmal haben Vici und ich die Weta Caves in Miramar besucht. Rein konnten wir immer noch nicht. Dafür fuhren wir an etlichen Studios vorbei und er zeigte uns die Hallen, in denen Ende diesen Jahres „Der Kleine Hobbit“ gedreht werden soll. Knapp 600 Leute werden nur dafür eingestellt von Weta und anschließend wieder entlassen.

Mein persönlicher Lieblingsberuf. Planespotter. Ein Angestellter sitzt quasi den ganzen Tag auf einem Hügel mit Funkgerät und Fernglas und meldet größere Jets. Daraufhin werden dann die Dreharbeiten gestoppt. Nachteil eines Flughafens und eines nicht perfekt Schalldichtem Studios.

Film ist Magie. Und es ist unglaublich wie viel Arbeit im Detail steckt und wie viel heute möglich ist.

Einen kleinen Blick auf das Set von Avatar konnten wir aber doch noch erhaschen. Aber psssst.....

Zum Abschluss gab es gestern noch ein schönes Mittagessen mit den 4 Lehrern, die mich hier begleitet haben und mit denen ich befreundet bin. Pat, Tash, Grant und Pete.

Natürlich haben wir alle herzlich nach Deutschland eingeladen. Also macht euch auf neuseeländischen Besuch gefasst.

So schnell geht die Zeit vorbei. Wir erinnern uns noch daran, dass wir eine Mail bekommen haben, in der das Flugdatum für die beiden stand. Mai. Eine verdammt lange Zeit schien es zu sein. Und da sind wir.

War schön mit Euch beiden. Habt einen guten Flug.

18 Tage für Vici. 54 Tage für mich.

Sonntag, 16. Mai 2010


Vor einem weißen Blatt sitze ich, das sich so langsam mit Buchstaben füllt. In gerade mal zwei Seiten versuche ich mein Leben zu verpacken, in Zahlen, Daten und Fakten. Das ganze belegt durch hochlobende Worte meiner Arbeitgeber oder Lehrer. In wenigen Worten versuche ich zu beschreiben, wie sehr ich an einem Fach hänge, dass so vielseitig ist, dass sich Kulturen über Jahrtausende damit beschäftigt haben. Welches die Kultur an sich darstellt.

Karl Friedrich von Weizsäcker hat einmal gesagt: „Philosophie ist die Wissenschaft, über die man nicht reden kann, ohne sie selbst zu betreiben.“ Philosophie. Ein großes Wort, wie ich finde. Für mich das größte Geschenk, dass den Menschen gemacht werden konnte. Philosophie ist Freiheit. Philosophie ist das Leben. Philosophie bist du alleine mit der Welt.


Warum leben wir? Was macht uns Menschen aus? Welchem Zweck dienen wir? Gibt es Gott? Was ist real, was Illusion? Was macht unsere Gesellschaften von heute aus?

Die Liste der Fragen ist unendlich lang. Was die Philosophie so einzigartig macht, ist die noch viel längere Liste der Antworten.

Dabei sind es oft doch Vorschläge, Ansätze, Versuche der Erklärung. Nicht mehr oder weniger. Genau das ist es, was ihr die Freiheit verleiht.


„Die Liebe zur Weisheit“. Ist die Weisheit denn nicht das ewig gejagte Gut von uns, dass wir doch nur verehren, nie besitzen, können? Es ist die Reinheit der Gedanken. Es ist die Erfahrung des Lebens, die Liebe zur Schönheit und das Streben nach Gewissheit. Nicht nur der verehrte Herr Faust musste dies erkennen, mit all seiner Studien.



Trotz meines junges Lebens bin ich schon in der Welt herum gekommen. So viele schöne Plätze habe ich gesehen, so viel Freundlichkeit von Menschen erfahren, so oft habe ich einfach nur gestaunt.



Die Welt ist komplex und lässt sie sich doch auf das Wesentliche reduzieren. Ich wage nicht, sie erklären zu können oder sie vollkommen zu verstehen. Doch ich kann danach streben und nur immer auf das Neue staunen, über die Gaben, die unsere Welt bereit hält.

Ich kann Gemeinsamkeiten suchen und sie finden. Sie mit anderen Menschen teilen und die Schönheit für sich selbst sprechen lassen.




Leider wird unser Denken immer eindimensionaler. Wir erlauben uns keine Freiräume mehr, um die eigentlich doch essenziellen Dinge des Lebens zu betrachten. Jeder lebt mit seiner Droge. Tag für Tag. Sei es das liebe Geld, die Karriere oder das Auto, welches besonderer Pflege bedarf. Wir finden Entschuldigungen. Erfinden Sie. Wir meiden die Zeit alleine. Wir gehen Ihr aus dem Weg, wie unserem eigenen Schatten, den wir versuchen zu vergessen, weil er uns Angst bereitet und der uns doch immer begleitet.


Den Lebensweg eines Menschen vergleiche ich gerne mit einem Pfad im Wald. Immer wieder kommen wir an eine Abzweigung, bei der wir uns entscheiden müssen, welchen Weg wir einschlagen möchten. Menschen begegnen uns auf dem Pfad. Manchmal gehen sie ein kleines Stückchen mit uns. Für eine kurze Zeit begleiten sie uns, selten für länger. Gelegentlich kommt uns jemand entgegen und warnt uns vor dem vor uns liegenden Weg. Einige wollen uns sogar abdrängen. Links und rechts: Bäume des Lebens. Geschichten könnten sie erzählen, würden wir hinhören.

Was hinter uns liegt? Die Vergangenheit. Ein Pfad, bergauf, bergab. Immer verschwommener erscheint er, umso weiter wir gehen. Und an einigen Stellen scheint das Licht durchzudringen durch das dichte Geäst der Bäume des Lebens.

Was vor uns liegt? Geschichten hört man. Von weiten Ebenen, wo noch kein Baum je gewachsen und kein Mensch je gewesen sei.

Keiner kann es mit Sicherheit sagen.

Was macht die Philosophie denn nun in diesem Wald? Sie ist versteckt, und doch für jeden sichtbar. Sie bildet das Wurzelwerk. Sie hält den Wald zusammen, verbindet die Bäume, gibt Ihnen Energie. Sie übersteht die Zeit und wächst mit Ihr.


Ab und an rasten wir. Die Vögel singen, die Blätter rascheln, Rehe springen über den Weg. Wir sehen und hören es alles. Nehmen wir es wahr? Was sind unsere Augen und Ohren nichts anderes als der Versuch die Welt kennen zu lernen. Ihre Schönheit zu genießen.

Unsere Sinne verstehen nicht alle Sprachen. So tut es doch unser Herz, wenn wir es lassen. Lasst uns bei der Rast die Gedanken schweifen lassen. Hört ihr das Knarzen der Bäume? Den Boden auf dem ihr steht, der euch trägt und nicht fallen lässt? Er stellt keine Erwartungen an Euch.

So wie der Mensch doch immer auf der Suche ist, soviel übersieht er auch auf seinem Weg.


Warum genau denn nun die Philosophie?

Sie ist für mich nicht nur das Wurzelwerk unseres Waldes. Für mich ist sie mehr. Die Schönheit Ihrer Logik, das Gedankenspiel, der Traum von Größerem, Realität geworden. Es ist die Jagd nach der Erkenntnis und das Wissen Ihrer Unerfüllbarkeit. Ideensammler möchte ich werden. Ruhepol für Suchende.

Dafür will ich das Werkzeug erlernen. Den Weg der Großen verfolgen. Meinen Eigenen weiter gehen.


Samen will ich pflanzen auf den weiten Ebenen, wo noch kein Baum wächst und kein Mensch je gewesen ist.

Entdecken will ich die Welt und mein Schatten soll mein bester Begleiter werden.



Montag, 10. Mai 2010




Wie anders ist anders? Ziemlich anders.

Neuseeland hat für den Durchschnittstouristen wohl einiges zu bieten. Da kann man sich einfach nicht beschweren. Das Land für einige Wochen zu bereisen, lohnt sich auf alle Fälle. Hier zu leben, ist jedoch etwas völlig anderes. Aus Traum wird eben doch Wirklichkeit. Und vor der steht man jeden Tag in Form einer Schulklasse oder in Form von zahlenden Gästen im Restaurant.

Versteht mich bitte nicht falsch. Wir haben uns hier prächtig eingelebt. Haben so etwas wie einen Bekanntenkreis aufgebaut, mit Kupe einen Freund gefunden, Vici hat ihr eigenes „Reich“ und die Arbeit in der Schule überfordert mich nun wirklich nicht. Wir unternehmen einiges und schließlich bekommen wir ja auch regelmäßig Besuch.

Und irgendwie zählt man dann doch die Tage. Am Anfang stolz die Wochen, die man schon in Neuseeland verbracht hatte, irgendwann die Monate und schließlich die Tage bis zum Abflug. Immer öfter hört man sich plötzlich sagen: „Oh sorry, I won’t be here then.“

Es ist noch zu früh, um ein wirkliches Fazit ziehen zu können, doch früh genug um zu sagen, dass wir wohl beide nicht hier leben könnten. Dazu sei gesagt, dass ich hier noch keinen „Langzeittouristen“ getroffen habe, der dies von sich behauptete.

Es ist nun einmal einfach am A**** der Welt. Und ja, das merkt man. Die all zu verhassten Steuerprobleme Deutschlands oder der spießige Herr Westerwelle im Fernsehen? Man vermisst diese Nachrichten (gut, vielleicht nicht Herrn Westerwelle), man vermisst das Große. Auch hier gebe ich zu, dass Baden-Baden sicherlich nicht zu den Weltzentren gehört. Doch immerhin weiß man doch wo Amerika liegt und wie lang ein Meter ist.

Ich bringe dieses Beispiel gerne: Versuche mal von Neuseeland aus das nächste große Nachbarland zu erreichen. Richtig. Australien. 2500 km. 3 Stunden Flug. Da bist du einmal, über komplett Europa geflogen.

Einiges haben wir gelernt. Eines davon ist, wie gut wir es doch in Europa haben. Und ich habe mich selten so verbunden gefühlt mit Europa, wie ich es hier tue.

Was macht ein Amerikaner nach seinem Highschool-Abschluss? Er macht eine zweiwöchige Tour durch 20 Länder Europas. Mehr oder minder eine ausgedehnte Busfahrt.

Wovon träumen erwachsen werdenden Kiwis? England. Einmal ein Chelsea Spiel live im Stadion sehen.

Sie sind stolz hier. Stolz auf ihre „Geschichte“. Und ja die „“ sollen da sein und ich kann nicht ohne ein schmunzeln davon reden. Ein Land, das 150 Jahre alt ist, kann ja schließlich nicht anders. Die Maorikultur wird hochgepuscht. Zum Touristenrenner gemacht. Speere, Pfeile, Häuser, Boote, Decken, Netze... alles was das Kultur (be)dürftige Herz begehrt.

Na aber, aber Herr Siehl. Ist es denn wirklich so schlimm?

Wer denkt, ich möchte Neuseeland schlecht reden, der versteht mich falsch. Oft denke ich an die Worte von Sarah beim Seminar letzten Sommer in Deutschland. Das Kulturschockmodel. Es existiert. Wir sind verdammt noch mal verwöhnt. Und anders ist dann nun meistens eben in unseren Augen schlechter.

Die Menschen sind nett. Mehr sogar. Sie sind freundlich. Was man von der Mehrheit der Deutschen leider nicht behaupten kann. Von der Lockerheit könnten wir uns etwas abschneiden. Aber alles ist relativ.

Das Wanganui City College und Wanganui als solches ist wohl besonders. Hohe Kriminalitätsrate, hoher Anteil an Maoris, viel Drogenkonsum.

Im Lift der Schule hat ein Schüler geraucht, an die Wand eines Klassenzimmers wurde Graffiti gesprayed, fünf kids kamen völlig stoned in die Schule.

Es ist nicht die Schule, nicht das System. Es ist die Gesellschaft. Sie erlaubt Ihnen das, unterstützt es und entschuldigt es. Gangs, Armut, Faulheit, Stolz...

Hier zu leben? Wir könnten es nicht. Eine unvergessliche Erfahrung? Definitiv.

Mittwoch, 5. Mai 2010





Der Countdown läuft. 42 Tage für Vici, 77 für mich. Das ist nicht mehr lange. Also macht euch bereit. Wir kommen bald.

Die letzten beiden Wochen ist neben Essen servieren im Indigo und Kinder drangsalieren im City College selbstverständlich auch noch so einiges passiert.

Semhar kam letzte Woche mit dem Bus in Wanganui an. Erschöpft von ihrer Weltreise, die sie schon nach Eritrea (ihr Heimatland), Thailand und Australien geführt hatte. Da kommt ein wenig Urlaub im eher ruhigen Wanganui natürlich gerade recht.

Wir hatten Spaß zusammen und die verrückte Semi weiß schließlich auch, wie man jeden Tag aufs Neue den lokalen Supermarkt abzockt. Keine Macht den Großkonzernen!!! Jetzt hätte sie nur noch in den 70 er geboren werden müssen.

Was macht man denn mit Mitarbeitern, die dauerhaft krank sind, vermutlich einen zweiten Job am laufen haben und nicht wirklich glaubhaft wirken? Richtig! Man lässt andere dafür schuften. Gut werdet ihr sagen: Immerhin hat Vici dann was zu tun. Und so kann sie sich ja auch schon an 40 Stunden/pro Woche gewöhnen. Ich persönlich tippe ja darauf, dass Vici mehr Steuern am Ende zurück bekommt als ich in dem ganzen Jahr verdient habe. Aber das ist ja nur gerecht. Die hart arbeitenden Frauen müssen gefördert werden.

Und schließlich ist Vicis Hefezopf und ihre Berliner einfach ein Traum.

Am Freitag ging es für mich und Alexej nach Havelock North. Einem kleinen aber feinen Örtchen an der Ostküste, nicht weit entfernt von Hastings und Napier.

Dort lebt der liebe René. Auch gerne Seb 2 genannt. Bei so viel Ähnlichkeit ist das erlaubt.

René arbeitet dort auch an einer Schule aber einer vergleichsweise reichen Privatschule. Year 1-8, Kinder im Alter von 6-13, wohingegen Alexej und ich Year 9-13 haben. Im Allgemeinen zählt Havelock wohl zu den reichsten Orten in Neuseeland. So viele europäische Protzautos wie dort habe ich das letzte Mal vor dem Brenners in Baden-Baden oder auf der Goethestraße in Frankfurt gesehen.

Dafür darf der liebe René auch ganz schön schuften. Da sieht selbst Vicis Arbeitspensum arm dagegen aus. Die „Boys school“ erlaubt ihm auch Deutsch zu unterrichten, was ich persönlich richtig gut finde. Nachdem Lino und ich uns das ja auch schon für unser College als AG überlegt hatten.

Die Ostküste ist ein schönes Fleckchen. Viele Sonnenstunden, tolle Landschaft, Weingüter, Imkereien und die Käsefabrik sei nicht zu vergessen. Seb 2 hatte ein tolles Programm für uns aufgestellt und uns rauchte der Kopf am Ende vor lauter schöner Eindrücke.

Kennt ihr das, wenn man so müde ist, dass man einfach über alles lacht? Wir konnten einfach nicht mehr. Karten spielen war noch nie so lustig. Am Ende sprachen wir im Kino einfach nichts mehr miteinander, weil es sowieso nur in lautstarkem Gelächter geendet hätte. Da erinnere ich mich auch noch an Rambo mit Gerrit. Wir lagen drin vor lachen, ne?

Alexej, der sich einen nackten Mann hinter dem Kinovorhang vorstellte oder Posaunen mag, Rene der verzweifelt versuchte beim Kartenspiel zu be******** und Seb, der immer nur verlor, weil er die Zeichen nicht sah.

Wir sind Freunde geworden. Die beiden sind mir ans Herz gewachsen. 3 Wochen Seminar in Deutschland und fast ein Jahr in Neuseeland schweißen zusammen.

Nachdem René auch noch Psychologie in Heidelberg studieren möchte, ist natürlich alles vorbei.

In einem Jahr kann so einiges passieren. Opa Heinz ist gestorben, Oma Marianne war im Krankenhaus, Tiger ist in der ersten Woche gestorben, Paulinchen geboren, Zoe hat schon Konfirmation und jetzt ist Tantchen auch noch gestorben. Manchmal kann ein Jahr schon lang sein.

Montag, 3. Mai 2010




Zur Abwechslung dachte ich, dass ich euch mal nach eurer Meinung frage:
Schließlich geht es bald an das Bewerben und dafür hier mal ein Motivationsschreiben für Psychologie. Alle Vorschläge zur Verbesserung sind gerne gesehen.

Ein Zugreisender mit großen Plänen:

Wie kommt man auf die Idee Psychologie zu studieren. Na gut mögen sie sagen. Da gibt es genügend Gründe und vermutlich vor allem Hintergründe.

Das Helfersyndrom von dem ich bei mir gar nicht erst anfangen möchte. Die Arbeit mit Menschen, wobei man diesen wohl schlecht aus dem Weg gehen kann. Somit von mir auch gern als die Begründung für meinen Supermarktjob herangezogen.

Da wäre schließlich auch noch die all zu beliebte Selbstfindung. Doch vermutlich wird man sich viel eher verlieren, bevor man sich ganz wo anders wieder als Suchenden wahrnimmt.

Meine Motivation für Psychologie: Bahnhöfe. Wenn es nach mir geht die schönsten Plätze auf dieser Welt. Bahnhöfe. Sicherlich haben sie es neuerdings nicht mehr so leicht gegen die auch sehr reizvollen Flughäfen anzukommen. Doch ich bleibe bei meiner Liebe für die Zugstationen.

Nicht nur Menschen aller möglicher Herkunft findet man hier, sondern auch Menschen in jeder Gemütsverfassung. Begrüßungen, Abschiede, Vorfreude, Wut, Spaß, Frust, Erleichterung, Ausgelassenheit, Offenheit, Zuversicht, Hoffnung und nicht zu letzt die Liebe. Gut, mögen sie sagen. Das kann ich auch wo anders erleben. Wo?

Als erfahrener Zugfahrer kann ich Ihnen nur sagen, dass es nichts schöneres gibt, als einen verspäteten Zug. Die Emotionen, die eine umspringende Anzeigetafel und eine sanfte Frauenstimme aus den Lautsprechern auslösen kann ist enorm.

Der Mensch ist kompliziert und wird doch so oft auf seine Triebe reduziert. Die wir doch nicht zuletzt oft genug versuchen zu unterdrücken.

Haben sie schon einmal in einem Zug gesessen mit 200 Fussballfans? Sofern sie einer davon sind, bitte ich um Verzeihung für meine fehlende Begeisterung an diesem Sport. Daneben ein altes Pärchen händchenhaltend mit zufriedenem Gesichtsausdruck, vorne eine Frau, die verzweifelt versucht zu telefonieren und ihrem Partner die Verspätung zu erklären. Nebenan drei Jugendliche in dunkler Kleidung und buntem Haar. Direkt hinter mir ein Bauarbeiter, der im Schlaf murmelnd eine Geschichte erzählt. Für den einen der Moment den MP3-Player zu zücken oder gar doch noch das interessante Kapitel im aktuellen Roman fertig zu lesen. Doch was gibt es spannenderes als Menschen?

Nennen sie mich einen Sammler. Einen Sammler von Emotionen. Einen Sammler von Situationen, einer der das Leben versucht erklärt zu bekommen.

Die Seelenkunde. Psychologie. Die Beobachtung ist der Anfang, das Verstehen der Weg und das Erlernen das Ziel. Den Anfang habe ich gemacht. Den Weg werde ich mein Leben lang beschreiten, das Ziel ist seit Jahren gesetzt.

Sagt nicht: „Ich habe den Weg der Seele gefunden.“

Sagt: „Ich bin auf meinem Weg der wandernden Seele begegnet.“

Denn die Seele wandelt auf allen Wegen.

Die Seele geht keinen geraden Weg, noch wächst sie wie ein Schilfrohr.

Die Seele entfaltet sich, gerade so wie ein tausendblättriges Lotos.

... Ihr möchtet mit euren Fingern den nackten Leib eurer Träum begreifen.

Und das ist auch richtig so.

(„Der Prophet“-Khalil Gibran)


P.S.: Danke Tami für das tolle Buch. Von Khalil Gibran kann man viel lernen.